Frieders Beitrag

Der Markt ist knallhart

Neu berufen: Der Performer Johan Lorbeer und der Maler Thomas Zipp



Die Zuschauer des Museums für moderne Kunst in Frankfurt sind irritiert: Da lehnt ein Mann mit einem Arm an der Wand. Das ist erst einmal nichts Besonderes. Dass er dies aber in zwei Meter Höhe tut, frei schwebend im Raum, das erklärt sich nicht ohne Weiteres und löst sich auch während der dreistündigen Performance des Künstlers nicht auf. Der Künstler Johan Lorbeer ist seit Beginn des Sommersemesters Professor an der UdK Berlin. Seine Arbeiten nennt er „super-slow performances“: Er schaffe Situationen, die sich im Grenzbereich zwischen Bild und Aufführung bewegten.

Nun betreut er als Professor für Bildende Kunst einen Teil der Lehramtsstudierenden der Fakultät Bildende Kunst. „Lehrer haben im späteren Berufsleben eine Öffentlichkeitsfunktion inne. Sie sollen Inspirationen fördern und brauchen deshalb spezielle Herangehensweisen, um mit ihren Schülern zu kommunizieren“, so Johann Lorbeer. „Als Peformancekünstler kann ich da einiges vermitteln.“ Zum Beispiel wie die designierten Kunstlehrer ihre körperlichen Reserven aktivieren oder Lampenfieber kreativ nutzen.

Seine künstlerische Laufbahn begann er selbst als Lehramtsstudent an der Nürnberger Kunstakademie. Nach einem zweijährigem Studium in New York verbrachte er ein Jahr in der Punk- und Performance-Szene Londons. Über Umwege kam er dann 1984 nach Berlin. Hier stellten sich mit einem Stipendium am Künstlerhaus Bethanien zögernd die ersten Erfolge ein. Mittlerweile gehört Lorbeer zu den angesagten Performancekünstlern Deutschlands. Da Lorbeer sich neben Performances auch mit Fotografie, Video und Installationen beschäftigt, fällt es ihm leicht, sich auf die unterschiedlichen künstlerischen Vorhaben seiner Studierenden einzustellen. Derzeit wird im Plenum ausgiebig über ein Studentenprojekt geredet, in dem es um die Realisierung einer großflächigen Popcorn-Skulptur geht. Aber wo bekommt man eine halbe Tonne Popcorn her und wie wird es recycelt?

Auch der Maler Thomas Zipp ist seit diesem Sommersemester Professor an der UdK Berlin. Auf den ersten Blick fällt er im Kreise seiner Studenten nicht auf und entpuppt sich erst auf Nachfrage hin als ihr Professor. Thomas Zipps Klasse besteht aus 16 Studierenden, die er auf das Leben als freier Künstler vorbereitet. Der Absolvent der Städelschule Frankfurt am Main achtet neben einer Persönlichkeit in den Arbeiten seiner Studenten vor allem auf Engagement.

In Gesprächen versucht er, Potenziale zu entdecken, die bis zum Äußersten gefördert werden müssen. Wer sich an den Hypes des Kunstmarktes orientiert, schneidet eher schlecht ab. „Wer nicht arbeitet, darf abends nicht mit in die Kneipe“, lacht der 1966 in Heppenheim geborene Künstler. Die drei Zutaten für seine Herangehensweise als Lehrkraft sind Wille, Mut und Spaß. Zipp bezeichnet seinen Lehrstil als „Individualbetreuung mit ganz geringem Frontalunterricht, gekoppelt mit Kontrollanrufen“.

Sein Ziel ist, dass möglichst viele seiner Studierenden ein Leben lang als freie Künstler arbeiten können. „Der Markt ist knallhart. Sich da langfristig durchzusetzen ist unglaublich schwierig.“ Den Einstieg in ein Leben als freier Künstler versucht Zipp zu erleichtern: durch gemeinsame Ausstellungen, Kontakte zu Galerien, Publikationen und durch die Vermittlung seiner Erfahrungen.

Thomas Zipp lebt seit 1997 in Berlin. Er schätzt den Metropolencharakter der Stadt. Da fast alle Galerien in der Hauptstadt Stellung bezogen haben, eigne sich Berlin ideal als Sprungbrett für ein Leben als freier Künstler.

 

Zum Rundgang präsentiert die Klasse von Johan Lorbeer ein Gemeinschaftsprojekt im Atelier 204. Die Klasse von Thomas Zipp zeigt ihre Arbeiten in den Ateliers 111/112 und im 2. Hinterhof des Gebäudes Hardenbergstraße.

Erschienen am 17. Juli 2008 im Tagesspiegel

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