Ohne Witz kein Gelingen
Der Berliner Nachwuchsautor Philip Meinhold veröffentlicht mit „Fabula rasa“ seinen zweiten Roman. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hat er das Geheimnis des ersten Erfolges finden können.
Er hängt gern allein am Tresen in der Eckkneipe, genießt seine Solo-Spaziergänge oder sucht das Glück in der Melancholie. Philip Meinhold sieht sich als Romantiker, aber keineswegs als traurigen Charakter. Denn wenn er im Tennis-Borussia-Berlin-Fanblock steht und lauthals mit den „Lila-Weißen“ im Momm-senstadion singt, entspricht der Enddreißiger mit Brille so gar nicht dem Klischee eines wehmütigen Nachwuchsschriftstellers.
Der gebürtige Westberliner geht schon seit dem fünften Lebensjahr zu TeBe und kennt noch die guten Erstliga-Zeiten seiner Borussia. Dazu kommen mit vierzehn Jahren das Gesamtwerk von Hans Fallada und der Traumberuf Schriftsteller. Anfangs unsicher bewegt sich Philip Meinhold in konzentrischen Kreisen um seinen Traumberuf herum. Dem Abitur folgt eine Buchhändler-Lehre, dann die Journalisten-Schule. Aber er wollte nicht für den Journalismus, sondern für das Schreiben lernen. Sein Studium „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig bringt ihn seinem Ziel immer näher. Mit 29 steht sein Entschluss fest: er wagt seinen Debütroman.
Als Versuch ohne sicheres Ende (30 oder 300 Seiten?) bewältigt Meinhold seine Unsicherheiten und schafft 2002 mit „Apachenfreiheit“ (238 Seiten) eine unglückliche Liebesgeschichte. In den überregionalen Feuilletons kommt sein Debüt unter die Räder, in den Frauenzeitschriften erntet er viel Lob. Ihm war von Anfang an bewusst, dass er keine Hochliteratur fabriziert hatte, sondern ein traurig-witziges Buch schreiben wollte. Die Erwähnung als Lieblingsbuch bloggender Metalfans und Wenigleser scheint ihm Recht zu geben.
Für seinen zweiten Roman „Fabula rasa“ hat sich Philip Meinhold erneut dem Nervenkitzel und dem Stress ausgeliefert, ob denn am Ende ein gelungenes Werk entsteht. Sieht er seinen Debütro-man „Apachenfreiheit“ von 2002 mehr als einen Versuch, so galt es sich mit „Fabula rasa“ selbst etwas zu beweisen. Beim ersten Roman sei er noch kein Schriftsteller gewesen, beim zweiten schon. Da Meinhold laut eigener Aussage sich literarisch weiterentwickelt hat und viel mehr über das Schreiben erfahren hat, stiegen seine Ansprüche. Dies erschwerte die Arbeit.
In „Fabula rasa“ stellt der Vater des dreizehnjährigen Ninos einfach so die Gespräche ein. Der Rapfan Nino, mit 50-Cent-Bravo-Plakat im Zimmer, zieht darauf zwei Jahre später aus dem Reihenhaus in Reinickendorf aus und schlägt sich fortan allein durch den Berliner Großstadtdschungel. Roadmovie-ähnlich durchläuft der junge HipHop-Fan mehrere Stationen, bis er endlich die Schweigsamkeit des Vaters ergründet. So kommt Nino zuerst bei einer Studenten-Öko-WG unter, verbringt den Sommer auf einem Friedhof und jobbt anschließend bei einer Geisterbahn auf dem Rummel.
Ninos Traum war es schon immer, mit seinem besten Kumpel als Rap-Gruppe „ Zwei Fickende Hunde“ richtig durchzustarten. Da beiden jedoch jegliches Rap-Talent fehlt, endet die Rapkarriere, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Meinhold schildert aus der Sicht von Nino in gesprochener Jugendsprache dessen Erlebnisse und grenzt seinen Roman von ei-ner HipHop-Dokumentation entschieden ab.
Den Schriftsteller reizte der frivole HipHop-Jugend-Slang und er wollte unbedingt Deutsch-Rap-Zitate mit verwenden. Seine Tätigkeit als Reporter, Moderator und Redakteur bei dem Jugendsender „Radio Fritz“ kam ihm dabei zugute. Nicht nur die ruppige Sprache, auch die Recherche vor Ort hat ihn beim Schreiben inspiriert und weitergeholfen. So baute er nachts auf einem Jahrmarkt die Geisterbahn mit ab und interviewte mehrere Schausteller. Seine beste Strategie erklärt sich aber ganz einfach: Ohne Witz kein Gelingen.
Und ohne Austausch schon gar nicht. Obwohl Meinhold seine Gattung als Eigenbrödler bezeichnet, merkt er der Berliner Szene kein Konkurrenz-Denken an. Zwar gehen fast alle Leipziger Literaturinstitut-Studenten nach Berlin, doch suchen sie neben billigen Mieten und preiswerten Lebenshaltungskosten die Kommunikation untereinander. So trifft sich Meinhold ein Mal im Monat mit jungen Autoren in einer Schreibgruppe und wertet gemeinsam mit ihnen eigene Kurzgeschichten aus. Das hilft und ergänzt sich vorzüglich mit den langen Spaziergängen und den einsamen Kneipenbesuchen.
Wenn Meinhold allerdings dem Schreiben verfällt, trifft man ihn selten abends in der Stadt. Zu viel Ablenkung – so sein Fazit. Ganz wichtig für den Schreibprozess sei es, sich wirklich Zeit zu nehmen und den Fernseher zu meiden. Dann füllen sich die Seiten von ganz allein, auch unbewusst. Denn einfach Dranbleiben sei laut Nachwuchsschriftsteller Meinhold das größte Geheimnis des ersten Erfolges.
Philip Meinhold: „Fabula rasa“, Mitteldeutscher Verlag,
Buchpremiere am Freitag, den 6. Februar 2009 im „edelweiss“, Eintritt frei
Leipziger Buchmesse 2009: 12. März, 19 Uhr, Moritzbastei, 13. März, 21 Uhr 30, „Noch besser Leben“