Frieders Beitrag

Wahre Propheten

Rapper aus den französischen Vorstädten warnen seit den frühen neunziger Jahren vor dem Ausbruch von Krawallen.

Paris brennt. Nacht für Nacht fühlen sich Frankreichs vergessene Kinder veranlaßt, hemmungslos die eigene Infrastruktur und den kläglichen Besitz ihrer Eltern zu zerstören.



Autos brennen, Kindergärten stürzen ein. Frankreichs Machtinhaber wirken ratlos. Bange Gefühle beschleichen die europäischen Nachbarn, daß in ihren Einwanderervorstädten ähnliche Zustände herrschen könnten. So suchen die Verantwortlichen in Frankreich unter zunehmendem Druck nach Antworten.

Dabei hätten Staatspräsident Jacques Chirac und besonders Innenminister Nicolas Sarkozy gelegentlich auf frankophonen HipHop aus den cités oder banlieues hören sollen. In den Vororten der französischen Großstädte machen die Söhne der Immigranten ihrem Ärger schon seit Anfang der neunziger Jahre Luft. Sie prognostizieren "Bullenopfer" und Straßenschlachten mit der Polizei. Eine "Punchline" nach der anderen drischt verbal auf die Polizei ein. Im Rap verarbeiten Gruppen wie Nique Ta Mère (N.T.M.) und 500 One die Probleme der Pariser Vororte.

Trotz großer Popularität (1995 bekam N.T.M. eine Goldene Schallplatte für 100 000 verkaufte CDs ihres Albums "Paris sous les bombes" in nur sechs Monaten) verhallte ihr Protest im Mediengetöse um die Probleme der Immigranten-Generation. Das Bild, das in die Wohnstuben flimmerte, stellte eher den polizistenprügelnden Kleinkriminellen dar als den über soziale Probleme reflektierenden maître de cérémonies, den MC. Französische Rapper zeigten umstandslos gesellschaftliche Bruchlinien auf und stießen dabei auf Unverständnis und taube Ohren.

Jean Marie Le Pen vom Front National behauptet, daß der Rap ein pathologisches Geschwür sei. Ein Propaganda-Instrument, um den Bürgerkrieg anzuheizen. Dabei zeigten gerade die Künstler der Formation IAM die eindrucksvollen Potentiale von Rap fabriqué en france. IAM wandelten sich von Vorstadtrüpeln zu Poeten.

Der Protestcharakter der Musik bleibt trotz internationaler Erfolge hartnäckig bestehen. Auf kulturelle und politische Scheuklappen reagieren vor allem N.T.M. mit härteren Texten. Bruno Lopes und Didier Morville sehen in ihrer Musik ein provokantes Medium, das die Tür zur Auseinandersetzung über gesellschaftliche Mißstände überhaupt erst aufstößt. "Gib mir die Kugeln für die Stadtpolizei / Gib mir 'ne Knarre!" Konservative Politiker erkannten darin einen Aufruf zum Polizistenmord.

Am 14. November 1996 verurteilte das Amtsgericht von Toulon die beiden Rapper aus dem Pariser Banlieue-Quartier Saint-Denis wegen Verbal-Attacken gegenüber der öffentlichen Ordnung zu sechs Monaten Gefängnis, davon drei auf Bewährung, und einem halben Jahr Auftrittsverbot. Ein absolutes Novum. Weder in Frankreich noch in den USA, dem Mutterland des Rap, fällten Richter je ein so hartes Urteil.

Kein Novum sind Randale in den Vororten von Paris. 1995 drehte Mathieu Kassovitz den Film "La Haine" ("Hass"), der das trostlose Leben in den Banlieues schildert. Unterlegt von HipHop zeigt er 24 Stunden im Leben dreier Jugendlicher, deren Alltag aus Drogen, Gewalt und Auseinandersetzungen mit der Polizei besteht. Kassovitz bediente sich der Realität als Vorbild. 1992 tötete ein Polizeibeamter den 18jährigen Makomé während eines Verhörs in einem Pariser Polizeirevier durch Kopfschuß.

Der Regisseur fragte sich, wie man diesen Teufelskreis des Hasses aufbrechen könne. Sein diagnostiziertes "Eingangssyndrom" während der Dreharbeiten in einem Problemviertel herrscht auch zehn Jahre später unverändert vor: "Von morgens bis abends hängen sie in den Eingängen der Wohnsilos herum, rauchen Joints, warten. Sie haben nichts, keine Arbeit, nichts - außer kleinen Jobs und kleinen Deals."

Nun brennen Autos in Berlin, im Zentrum der jüngsten deutschen Rap-Kultur. Der HipHop hat sich aus Provinz und Mittelstand verlagert in die Immigranten-Viertel. Der algerischstämmige Bushido nennt sein aktuelles Album "Staatsfeind Nr. 1". Er zürnt dem Staat, der Polizei. Doch das sind großmäulige Auftritte, die sich Bushido angeeignet hat vom Gangsta-Rap Amerikas. Es sagt nur wenig über Deutschland aus, prophezeit nichts.

Frankreich saß seit langem auf dem Pulverfaß, und alle schauten weg. Bis auf die, die es betraf. Darunter auch die Rapper. Daß niemand sah, wie die Zündschnur brannte, liegt auch daran, daß kaum einer aufmerksam hinhörte. Nicolas Sarkozy bewies das durch die Wortwahl und die Art und Weise seiner Rede. HipHop schult in seiner Wortgewalt einen verbal sensiblen Ehrenkodex seiner Fans und Hörer. Sarkozy hat ihn verletzt. Die Wut über das Versagen der Integration donnerte aus den Ghettoblastern, ohne höhere Aufmerksamkeit zu erregen. Bis zur Explosion.

Aus der Welt vom 9. November 2005

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